Sehr oft habe ich, insbesondere im spirituellen Kontext, davon gehört, dass das Ego überwunden, aufgelöst oder sogar vernichtet werden müsste (wie makaber).
Ich halte diese Sichtweise für einseitig. Unser Ego ist kein Feind, den wir bekämpfen müssen.
Es ist sogar ein natürlicher Bestandteil unseres Seins. Ohne ein gesundes Ego wären wir kaum in der Lage unseren Alltag zu bewältigen, klare Grenzen zu setzen, Verantwortung zu übernehmen oder auch unsere eigene Identität zu entwickeln.
Ich würde also nicht fragen, wie man das Ego loswerden kann, sondern wie wir in einen gesunden Einklang mit unserem Ego kommen.

Das Ego als notwendige Funktion

Aus psychologischer Sicht erfüllt das Ego wichtige Aufgaben.
Unser Ego hilft uns zwischen unseren Bedürfnissen, Gefühlen und auch den Anforderungen der Gesellschaft zu vermitteln.
Es verhilft uns zu Selbstbewusstsein, Entscheidungsfähigkeit und Orientierung.
Ein gesundes Ego bedeutet, dass man seinen Wert erkennt, ohne sich über andere erheben zu müssen.
Dass man „Nein“ sagen kann, ohne sich schuldig zu fühlen. Oder auch, dass man Kritik annehmen kann, ohne daran zu zerbrechen. Das sind Beispiele für ein gesundes Ego, welches uns durch den turbulenten Alltag begleitet.
Problematisch wird es allerdings, wenn das Ego die Führung übernimmt und der alleinige Herrscher deines Innenlebens ist. Denn dann sucht dein Ego zum Beispiel nach Bestätigung im Außen. Es fängt an sich zu vergleichen, zu verteidigen und zu bewerten. Dann möchte das Ego gewinnen, recht haben und überlegen sein.
In dem Zustand rutscht man dann ganz automatisch in Hass, Gier, Neid oder Angst.

Das Ego selbst ist also nicht das Problem.
Das Problem entsteht erst, wenn wir glauben, wir seien ausschließlich unser Ego.

Das Ego durchschauen

Auch im Buddhismus wird nicht direkt davon gesprochen das Ego zu vernichten.
In den Schriften liest man viel mehr davon, dass die Identifikation mit dem Ego gelockert werden muss.
Es geht darum das Ego „als Werkzeug“ zu benutzen, ohne ihm seine ganze Identität zu überlassen.

Dein Ego ist ein guter Diener, aber ein schlechter Herr.

Nach dem buddhistischen Verständnis entsteht Leid unter anderem dann, wenn wir uns krampfhaft an Vorstellungen festhalten, die Enttäuschungen, Konkurrenz oder innere Unruhe erzeugen.
Außerdem wird stets betont, dass zum Beispiel Hass, Gier und Neid pures Gift für unsere eigene Seele ist.
Ein unkontrolliertes Ego kann aber durchaus in dieser Verbitterung festhängen.

Sitzt mein Ego am Steuer?

Bei vielen Menschen sitzt das Ego am Steuer, ohne dass sie es bemerken.
Unterbewusst werden sie von dem Wunsch nach Anerkennung oder der Angst vor Ablehnung gelenkt.
Das Denken wird dann von Vergleichen mit anderen oder von Meinungen anderer bestimmt.

Gehe bewusst mit diesem Teil deines Egos um und beobachte ohne zu unterdrücken:
Habe ich derartige Gedanken? Wann? Und warum?
Nimm sie wahr und verfrachte dein Ego dann auf den Beifahrersitz.

Die Weisheit der Mitte

Im Prinzip weist sowohl die Psychologie als auch die buddhistische Lehre auf einen Gedanken hin:
Extreme führen nicht zur inneren Freiheit.
Es ist immer die Balance.
Ein übersteigertes Ego erzeugt Konkurrenz, Trennung und Arroganz.
Ein verdrängtes Ego kann hingegen zu mangelndem Selbstwert und Orientierungslosigkeit führen.
Der gesunde Weg liegt also dazwischen.

  • Selbstwert ohne Überheblichkeit
  • Eigene Bedürfnisse wahrnehmen, ohne Egoismus
  • Erfolg genießen, ohne sich darüber zu definieren
  • Fehler eingestehen, ohne den eigenen Wert dabei infrage zu stellen
  • Gesunde Grenzen setzen ohne schlechtes Gewissen

Das Ego muss nicht bekämpft werden.
Es sucht letztendlich nach Sicherheit und der eigenen Bedeutung.
Werden diese Bedürfnisse bewusst und mit Mitgefühl (nicht Mitleid!) betrachtet, verlieren sie ihre Schärfe.
Lass dich nicht von deinem Ego anpeitschen. Lass dein Ego dein Begleiter werden.
Ein reifer Mensch ist nicht ohne Ego.

Das Ego eines reifen Menschen steht im Dienst seiner Werte und nicht umgekehrt.

Balance

Somit sehe ich es als Ziel eines bewussten Lebens, im Einklang mit sich selbst zu leben. Und dazu gehört auch das eigene Ego.
Zwischen Selbstbewusstsein und Demut, zwischen Individualität und Verbundenheit, zwischen persönlichen Wachstum und Mitgefühl für seine Mitmenschen.
Das Ego muss nicht verschwinden, wenn es seinen Platz kennt.
Meiner Meinung nach ist das Ego ein Teil des Ganzen. Es darf seine Funktion erfüllen, aber nicht das Ruder übernehmen.
Also schau mal etwas genauer hin: Welchen Platz hat dein Ego?